Chance für Kinder aus Problemfamilien

18 Oktober 2015, 12:00 am
Published in Pressemeldungen
Last modified on Sonntag, 18 Oktober 2015 15:27

Wipperfürth und Lindlar - 24.09.2014

Konrad-Adenauer-Hauptschule

Chance für Kinder aus Problemfamilien

Freuen sich gemeinsam: Hauptschul-Leiterin Ulrike Disselbeck, Sozialarbeiterin Ramona Gebel, Projektleiterin Valeska Damm-Berndorff, Siegfried Baumeister (Vorstand der Hans Hermann Voss-Stiftung) und Thomas Erdle, Geschäftsführer des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (v.l.). (Foto: Schmittgen)
Von Stefan Corssen

Für Kinder, die nicht recht Lust auf die Schule haben, tut sich auf der Konrad-Adenauer-Hauptschule jetzt eine riesige Chance auf. Das Projekt „Einsteigen – Aufsteigen“ ist speziell für Hauptschüler aus Problemfamilien, oft mit Migrationshintergrund, gedacht.

Nennen wir ihn Bulut: Der 13-Jährige hat zur Schule keine rechte Lust. Seine Noten sind im Keller, ob er den Hauptschulabschluss schafft, ist ungewiss. Am liebsten hängt er mit seinen Kumpels herum oder daddelt am Computer. Was er einmal werden will – Bulut zuckt mit den Schultern. Seine Eltern können ihm kaum helfen, denn sie selbst haben nur ein paar Jahre die Schule besucht.

Auch wenn Bulut ein fiktiver Fall ist, es gibt viele Jugendliche wie ihn. Für sie tut sich auf der Konrad-Adenauer-Hauptschule (KAH) jetzt eine riesige Chance auf. Das Projekt „Einsteigen – Aufsteigen“ ist speziell für Hauptschüler aus Problemfamilien, oft mit Migrationshintergrund, gedacht.

Das Schülerinteresse ist riesig

Im Projekt werden 30 Schüler der KAH über fünf Jahre lang von einer Sozialpädagogin intensiv betreut. Jede Woche gibt es Einzel- oder Kleingruppengespräche, Nachhilfe, die Pädagogin besucht die Eltern, wenn es angeraten ist. Die Teilnehmer bekommen kostenloses Bewerbungstraining, auch an Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und der eigenen Einstellung zur Arbeit wird intensiv gearbeitet. Dazu gehören Workshops in Firmen, etwa beim Overather Büroausstatter Soennecken. Manchmal macht das Programm auch ungewöhnliche Wünsche möglich. „Ein Schüler beklagte, er habe noch nie ein Museum besucht“, erinnert sich Projektleiterin Valeska Damm-Berndorff. Ganz wichtig: Die Schüler müssen freiwillig mitmachen, es gibt keinen Zwang. „Beim Schulsozialarbeiter, den wir auch haben, ist das schon mal anders“, erklärt Schulleiterin Ulrike Disselbeck. Generell gilt: Der Sozialarbeiter kommt, wenn es massive Probleme gibt, das neue Bildungsprojekt aber greift schon vorher ein, setzt auf den Ehrgeiz der Jugendlichen und ihren Willen, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Bislang geht nur ein Drittel der Hauptschulabsolventen in die Berufsausbildung, die Schulabbrecherquote ist gerade unter den Kindern aus Problemfamilien hoch. Der Weg bis zu Hartz IV ist dann oft schon vorgezeichnet.

Sozialpädagogin Ramona Gebel ist seit Mitte September an der Wipperfürther Hauptschule für das Projekt tätig. Sie ist durch alle Klassen gegangen und hat sich vorgestellt, zum ersten Informationsgespräch kamen rund 120 der derzeit 350 Schüler. Doch nur 30 Schüler ab Klasse 7 können aufgenommen werden, die Auswahl wird für die 25-jährige Pädagogin nicht leicht.

„Jeder, der mitmachen möchte, muss sich in meinem Büro vorstellen und in fünf Minten erklären, warum er dabei sein will und was er sich erhofft“, erklärt sie. Einige Schüler wollen ihre Noten verbessern, andere im Schulalltag besser zurecht kommen. Stellen sich erste Erfolge ein, wächst auch das Selbstwertgefühl der Jugendlichen.

Zwei Schulen in Köln profitieren bereits von dem Projekt profitieren, Wipperfürth ist der dritte Teilnehmer. Die Ursula-Kuhr-Hauptschule in Köln-Heimersdorf hat mit „Einsteigen – Aufsteigen“ schon einige Jahre Erfahrung. Die Erfolge des Förderprogramms sind erstaunlich. Elf Teilnehmer haben dort 2013 die Schule nach der 9. Klasse verlassen, alle elf mit Zulassung zur Realschule. Drei Absolventen der Klasse 10 haben sogar den Realschulabschluss geschafft und bereiten sich jetzt auf ihr Fachabitur vor.

„Das Programm hat eingeschlagen wie eine Bombe“, freut sich Thomas Erdle, Geschäftsführer des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds, unter dessen Dach das Förderprogramm für Kinder aus sozial schwachen Familien organisatorisch angesiedelt ist. „Die Jugendlichen sind nicht dumm“, davon ist er überzeigt. „Da liegt ein riesiges Potenzial, wir müssen es nur nutzen. Bildung ist der Schlüssel zur Integration“, so Erdle. Gewünschter Nebeneffekt: Die Absolventen des Programms sind bei der Wirtschaft heiß begehrt.

Für fünf Jahre ist das Projekt gesichert

Die Stelle von Ramona Gebel ist zunächst auf zwei Jahre befristet. Allerdings hat der Kölner Gymnasial- und Bildungsfonds die Betreuung für fünf Jahre gesichert. Das Projekt nach Wipperfürth geholt hat die Hans Hermann Voss-Stiftung, sie stellt auch das benötigte Geld von knapp 60 000 Euro pro Jahr zur Verfügung.

Für Stiftungsvorstand Siegfried Baumeisterist ist das Projekt eine hervorragende Ergänzung zum bestehenden Engagement der Stiftung in Sachen schulischer und beruflicher Bildung. Die Verantwortlichen hoffen, dass sich noch weitere Firmen und Privatpersonen für das Projekt „Einsteigen – Aufsteigen“ begeistern lassen und es unterstützen, damit noch mehr Jugendliche wie Bulut eine faire Chance auf Bildung bekommen.

www.chancen-stiften.de

Erfolgreich

Seit 2007 läuft das Projekt „Einsteigen – Aufsteigen“ an zwei Kölner Brennpunktschulen. Rund 80 Schüler aus sozial schwachen Familien können an dem Programm teilnehmen, jetzt kommen 30 Wipperfürther Hauptschüler hinzu. Fünf Jahre lang werden die Jugendlichen ab Klasse 7 bis ein Jahr nach Schulende betreut, in Kleingruppen oder Einzelbetreuung. Die Teilnahme ist freiwillig, die Abbruchquote liegt nach Angaben des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds, der das Projekt organisatorisch betreut, bei unter fünf Prozent. Viele Absolventen schaffen sogar die Zulassung zur Realschule.

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